Inklusion – ein Traum

Ob es Inklusion bereits irgendwo gibt? Ich glaube nicht – jedenfalls nicht in Deutschland. Aber ich habe einen Traum. In diesem Traum können alle Menschen einfach so sein, wie sie sind und trotzdem am täglichen Leben teilnehmen. Sie gehen alle gemeinsam zur Schule, sie müssen nicht Freunde sein (wer kann schon jeden leiden?), aber sie respektieren sich. Sie unterstützen sich, wenn es nötig ist und lassen sich in Ruhe, wenn keine Hilfe gewünscht ist (wie in dem alten Pfadfinderwitz: Die alten Omas werden immer undankbarer, nun hab ich ihr über die Straße geholfen und sie hat die ganze Zeit laut gebrüllt „Ich will aber gar nicht auf die andere Seite…“).

Zur Zeit bin ich traurig und enttäuscht

– darüber, wie die Diskussion über Henri geführt wird (alleine die Diskussion zeigt mir, dass Inklusion noch nicht in den Köpfen angekommen ist),

– darüber, wie auch unsere eigene Schule, die sich Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat, vollkommen uninspiriert und pflegmatisch das normale Programm abspult und ohne Selbstreflektion die alten Schienen fährt, anstatt einmal einen neuen Weg auszuprobieren.

– und am meisten darüber, dass selbst die Eltern der Kinder mit DS die gleichen dummen Argumente bringen und diesen wichtigen Vorstoß auch noch torpedieren,

Worum geht es hier eigentlich? Das frage ich mich schon eine Weile… Geht es um die Angst, dass man selbst vielleicht nicht genug getan hat? Lieber behaupten, es kann nicht klappen, damit man sich selbst und sein Handeln nicht in Frage stellt?

Wir Eltern wissen in vielen Fällen, was gut für unser Kind ist. Aber müssen wir in Frage stellen, dass andere das nicht auch für ihre Kinder wissen? Nur, weil sie einen anderen Weg gehen, muss er nicht schlechter sein. Sicher ist der leichte Weg ohne Widerstand für viele der beste Weg: sie wollen nicht, dass ihre Kinder in den „normalen“ Schulen leiden. Das ihre Kinder nicht von anderen Kindern und Lehrern ausgegrenzt werden. Aber mal ehrlich – ist das nicht total verquer?

Auch ich habe mein Kind nicht in die Einzugsschule eingeklagt. Klar hätte sie laut Berliner Schulgesetz einen Anspruch auf einen Platz gehabt. Vermutlich hätten wir nach langem Kampf sogar Recht bekommen, aber zu welchem Preis? Dass Lehrer, die sie nicht auf der Schule haben wollen, sie nicht beachten oder unterstützen, um dann später auch noch sagen zu können „haben wir doch gleich gewusst, dass es nicht klappt“…? Ist es nicht schlimm, dass einem überhaupt solche Gedanken kommen?

Viele Eltern schicken ihre behinderten Kinder nicht auf die Regelschulen, damit sie nicht von den anderen Kindern geärgert, gehänselt, gequält werden. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich? Wollen wir wirklich, dass es so bleibt? Schützen wir unsere behinderten Kinder, indem wir sie weiter abgrenzen? Unterstützen wir damit nicht nur, dass diese grässlichen Kinder, die unsere Kinder quälen, auch noch Recht bekommen und sie dann hänseln und quälen, wenn sie sie auf der Straße sehen, beim Einkaufen, beim Busfahren?

Aila übt gerade, mit dem Bus alleine nach Hause zu fahren – und ich habe Angst. Nein, ich habe keine Angst, dass mein Kind mit Down Syndrom das nicht schafft. Ich habe Angst vor DEN ANDEREN. Davor, dass eins dieser verkorksten, nicht behinderten Menschlein, das nicht genug Kontakt mit behinderten Menschen hatte, meinem Kind weh tut. Deshalb muss ich mein Kind behindern. Ich kann sie nicht einfach üben lassen, damit sie am Ende dann wie alle anderen Kinder auch, alleine nach Hause fährt. – Und endlich habe ich den Satz begriffen, der schon in Ailas Kita an der Wand stand „Wir sind nicht behindert, wir werden behindert!“

Liebe Eltren von Kindern mit Behinderungen: Ich weiß, dass es schwer ist, etwas zu verändern. Und ich weiß auch, dass man selbst dafür oft nicht die Kraft hat. Das ist auch vollkommen ok! Aber wollen wir nicht, dass sich etwas verändert? Und wäre es da nicht sinnvoll, diejenigen zu unterstützen, die gerade die Kraft und den Mut haben, etwas zu verändern? Sollten wir nicht statt „das klappt ja sowieso nicht“ oder „andere Kinder dürfen das ja auch nicht“ sagen „toll, dass ihr euch traut“, denn dann wird sich hoffentlich bald für uns alle etwas verändern und wir können davon profitieren.

Ich glaube an die Inklusion, aber sie ist bisher nur ein Traum. Aber die Geschichte hat uns gezeigt, dass es möglich ist, Träume zu verwirklichen – aber von „I have a dream“ bis President Obama war es auch ein weiter Weg, ein Weg, den nicht alle komplett gegangen sind, nur wenige von Anfang an, viele einen großen Teil der Strecke, aber einige leider bis heute noch überhaupt nicht. Aber diese Menschen sind nicht entscheidend. Entscheidend sind die, die etwas bewegen und die Welt ein kleines bisschen besser machen.

Nein, ich werde mir heute nicht die Diskussion bei Günter Jauch ansehen. Einfach weil ich auch keine Kraft mehr habe, weil ich nicht schon wieder in meinem Kopf Gegenargumente formulieren will. Ich werde mich lieber an die Nähmaschine setzen und etwas Schönes machen. Denn ich brauche einfach die Energie für mich. Trotzdem wünsche ich den Eltern von Henri ganz viel Glück auf ihrem Weg – hoffentlich ist er der kleine Stein, der die Lawine ins Rollen bringt.

Katta

 

AilaFedernSeeYetta

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Ein Gedanke zu “Inklusion – ein Traum

  1. Danke fürs berichten, das war sehr interessant für mich. Ich kenne mich kaum aus und habe auch ehrlich gesagt kaum Übung im Umgang mit Behinderungen. Es ist reine Unsicherheit und Angst was falsch zu machen, sicher geht es vielen so. Menschen können so gemein sein, da hat man mit normalen Problemen schon Angst das das eigene Kind traurig sein muss. Das Du da noch mehr Ängste hast kann ich voll verstehen. Ich drücke Aila, meiner Kleinen und allen Kindern eigentlich die Daumen das sie nur nette Erfahrungen sammeln und nicht blöde angemacht werden (ich hab als Kind selber als Zugezogene ständig einen ab gekriegt). Ich finde Aila sieht superlieb aus und sehr sympathisch. Sicher wird sie gemocht. Eltern sein ist schwierig- egal mit welchen Problemen oder unter welchen Umständen- wir schaffen das !

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