Was ist eigentlich Inklusion?

Diese Frage stelle ich mir in den letzten Tagen wieder öfter, da ich das scheinbar falsch verstanden habe. Ein großer Teil der Deutschen meint wohl, dass Inklusion nur ein anderes Wort für Integration ist und es „nur“ darum geht, Menschen mit Behinderungen z.B. in die Schule aufzunehmen.

Vielleicht bin ich ja die einzige, die das so sieht, aber Inklusion betrifft uns ALLE! Hier geht es darum, dass alle Menschen unterschiedlich sind. Wenn ich das auf die Schulsituation reduziere (und ich bin sehr wohl der Meinung, dass Inklusion nicht nur etwas mit der Schule zu tun hat – aber irgendwo muss man ja anfangen), dann heißt Inklusion für mich, dass alle Kinder ein unterschiedliches Lerntempo haben. Ein inklusiver Unterricht ist folglich ein Unterricht, bei dem jedes Kind – sei es hochbegabt, normalbegabt (gibt es die überhaupt noch ;-)? ) oder in irgendeiner Form eingeschränkt – auf seine Kosten kommt. Hierfür benötigt man einen differenzierten Unterricht und ja – das macht Arbeit! Das ist nicht ein bißchen blabla an der Tafel und das ist auch nicht das Hervorzaubern von immer wieder gleichen Arbeitsbögen aus der bewährten Schublade. Es ist vielmehr mitdenken, wachsam sein, immer wieder neu einlassen auf veränderte Situationen.

Inklusion ist nicht bequem. Nein, sie ist das genaue Gegenteil. Und ich weiß, dass es die Lehrer dort draussen gibt, die es versuchen. Aber was nutzt der größte Enthusiasmus, wenn er von allen möglichen Seiten torpediert wird?

  • Wenn ich eine Schulleiterin habe, die bei Krankheitsausfällen als erstes die Sonderpädagogin abzieht, mir aber hoch und heilig versichert, dass sie die Stunden auch als „ausgefallene Stunden“ dem Schulamt meldet. „Sicher haben Sie doch Verständnis dafür, dass sonst für 25 Kinder der Unterricht ausfallen würde…“ Nein, hab ich eigentlich kein Verständnis dafür, schließlich sind damit für Aila so viele Stunden ausgefallen, dass es vermutlich ein ganzes Schuljahr ausmacht. Wenn dann eben jene bei der nächsten Einschulungsfeier verkündet „Inklusion ist für uns kein Fremdwort“, frage ich mich wieder, ob ich da was falsch verstanden habe.
  • Was soll ich als Lehrer machen, wenn die Schulhelferstunden immer weiter gekürzt werden?
  • Was soll ich machen, wenn ich zwar als Sonderpädagoge eingestellt bin, ich aber alles andere mache und mich nicht um die wirklichen Probleme kümmern kann?

Mal ganz ehrlich – Inklusion ist kein Sparkonzept. Doch leider scheint das irgendwie in den Köpfen der Politiker rumzugeistern. Dabei wäre es jetzt nötig, in die Zukunft unserer Kinder zu investieren. Wenn wir mehr Geld in die Bildung stecken, haben alle (ALLE!) etwas davon. Schauen wir uns doch das finnische System an. Bei jeder PISA-Studie wird uns wieder erzählt, wie toll die Finnen abschneiden, aber uns wird nie gesagt, was die Finnen anders machen. Dabei gibt es ein paar ganz eindeutige Faktoren:

1. Die Finnen stecken VIEL Geld in die Bildung
2. In Finnland gehen ALLE Kinder gemeinsam in die Schule und zwar mindestens bis zur 9. Klasse
3. Die Klassen sind kleiner
4. Die Lehrer werden durch ein vielschichtiges System an Helfern unterstützt

Merkwürdigerweise ist in Deutschland ganz oft ein Argument gegen die Integration (Inklusion will ich es einfach noch nicht nennen) von behinderten Kindern, dass ja dann die anderen Kinder schlechter lernen würden. Wie passt das mit den Erfahrungen in Finnland zusammen? Wie kann es sein, dass unser Bildungsbürgertum panische Angst davor hat, dass die eigenen Sprösslinge versagen, nur weil jemand in der Klasse ist, der weniger schnell lernt, wenn scheinbar in Finnland genau das Gegenteil die Regel ist. Aber nicht nur die unbedarften Bildungsbürger stoßen in dieses Horn, nein es sind auch die Eltern von behinderten Kindern, von denen ich in den letzten Tagen immer wieder Kommentare gelesen habe, die mich traurig und auch bestürzt machen. Immer wieder lese ich:

„Warum soll er auf ein Gymnasium gehen, er wird dort doch sowieso nie das Lernziel erreichen“
Ich drehe mich im Kreis mit meiner Frage: Was ist eigentlich Inklusion? Gibt es beim inklusiven Unterricht noch ein gemeinsames Lernziel? Kann ich mein persönliches Lernziel nicht auf jeder Art von Schule erreichen, weil es eben ein persönliches Ziel ist, das nicht an ein Schulsystem gebunden ist? Was gibt es besseres, als gemeinsam mit seinen Klassenkameraden und Freunden den Weg weiter zu gehen? Mit ihnen gemeinsam nach der Schule nach Hause zu laufen, statt mit einem Fahrdienst 30 km weit entfernt zur Schule zu gehen?

Die ganze Diskussion wird gerade akut geführt, weil es die Petition für Henri gibt, der mit seinen Freunden aufs Gymnasium wechseln soll, die Sonderpädagogische Hilfe ist bewilligt, aber die Lehrer des Kollegiums haben sich dagegen entschieden, ihn aufzunehmen. Wer noch nicht davon gehört hat und noch unterschreiben möchte, kann es hier tun. Das es bequeme Lehrer gibt, die so handeln, kann ich mir vorstellen. Was mich aber wirklich aus der Bahn geworfen hat, ist die Tatsache, dass es nun eine Gegenpetition gibt, wo all die geängstigten Bildungsbürger Unterschriften sammeln, damit Henri die Schule nicht besucht. Alleine die Begründung der Gegenpetition lässt in mir solch eine Wut aufsteigen, dass ich am liebsten mal nach Baden-Württemberg fahren und ein paar Leute schütteln würde. Wenn ich lese:

Auch ist es fraglich, ob sich momentane Freundschaften, die er aus der Grundschule hat, nicht sowieso – wie auch bei jedem anderem Menschen – mit der Zeit im Sand verlaufen. Und was hat er dann?

Ich selbst habe einen Bruder, der zu 80% schwerbehindert ist. Erst nachdem er auf eine Sonderschule gegangen ist, konnte er wahre Freundschaften zu Gleichaltrigen knüpfen.

Nur weil sein Bruder (und Entschuldigung wie lange ist das her? 30 Jahre? 40 Jahre?) scheinbar keine Freundschaften geschlossen hat, kann er doch nicht auf alle anderen schließen. WAHRE Freundschaften können halt nur Behinderte untereinander schließen? Nur, weil VIELLEICHT die Freundschaften nicht halten, ist das doch noch lange kein Grund, dass er nun in eine Förderschule geht, wo er niemanden kennt und vielleicht GAR KEINE Freunde findet. *kopfschüttel*

Lieber Verfasser der Gegenpetition, ich muss Sie enttäuschen: Das Leben in Deutschland – zumindest in den nördlichen Regionen – hat sich verändert. Unser Land ist toleranter geworden und es gibt immer mehr Menschen, die verstanden haben, dass Verschiedenheit und Anderssein positive Dinge sind, vor denen man keine Angst haben muss.

Und ganz ehrlich – meine Tochter hat wahre Freundschaften gefunden, ohne je in eine Sonderschule (bzw. Förderschule, wie es nun heißt) gegangen zu sein. (Gerne kann man das z.B. hier nachlesen.)  Sie hat Freundinnen ohne Behinderung, aber auch mit Behinderung – ganz gesund gemischt und darüber freuen wir uns.

Aila besucht die 5. Klasse einer Gemeinschaftsschule und wird mit ihren Klassenkameraden gemeisam bis zur 10. Klasse gehen. Anschließend kann auf ihrer Schule das Abitur erworben werden. Sicher nicht von Aila, aber ganz bestimmt von vielen Kindern, obwohl – oder gerade – weil sie mit Aila in einer Klasse waren.

Weiterlesen kann man gerne bei der Aktion Mensch, die auch diese wunderbaren Grafiken gemacht hat, die es im wahrsten Sinne auf den Punkt bringen:

Exklusion
so wie es leider noch viel zu oft ist

965

Integration
die wir an vielen Stellen schon geschafft haben

963

Inklusion
die das Ziel ist

964

Hoffen wir, dass die roten Pünktchen sich nicht durchsetzen, sondern wir in einer bunten Gesellschaft leben können.

Ganz nachdenkliche Grüße

Katta

symbol-inklusion

 

 

 

 

 

 

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14 Gedanken zu “Was ist eigentlich Inklusion?

  1. Sehr zu Empfehlen ist der Film“ Bergfidel“ eine Schule in Münster macht vor, wie es richtig geht. Ich arbeite im Kindergarten als I – Kraft, es wäre manchmal gut, uns Fachkräfte mit einzubeziehen. Wir kennen die Kids teilweise über vier Jahre (bei Rückstellung manchmal auch Länger) und können meiner Meinung nach gut einschätzen, was ihnen in der Schule gut tut, und welche Unterstützung sie noch brauchen. ( Fehlendes Personal können wir leider nicht ersetzen) Dennoch wäre es schön wenn wir“ Gehört “ würden. Das hätte so manchem Kind einen Leidensweg ersparrt.

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      • Ja Elske, da hast du Recht. Es wird einfach zu wenig zwischen allen Parteien kommuniziert. Dabei werden nicht nur die Erzieher nicht gehört, sondern auch die Eltern, die manchmal ganz gute Vorschläge haben.
        Inklusion muss auf jeden Fall (vor-)gelebt werden, damit sie den nächsten Henerationen in Fleisch und Blut über geht.

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  2. Pingback: Mit Netz und doppeltem Boden – Sew along week 4 |

  3. Tja. Sorry, das wird jetzt lang. Lassen wir erstmal mal die andere Seite zu Wort kommen:

    http://www.lehrerforen.de/board921-lehramt/board7-sekundarstufe-i-sekundarstufe-ii-berufsschule/30406-inklusion-an-gymnasien/index9.html?s=821c6bddb6f09e0d64d4dcd073b0a529d5d51468#post338356

    In den Kommentaren der Regionalzeitungen aus Walldorf und Umgebung kommen so einige Eltern zu Wort, die verlauten lassen, dass sie bei Entscheidungen übergangen werden, ihre Kinder immer nur zurückstecken mussten und jegliche Nachfrage mit Geschrei „Behindertenfeindlich!!!“ abgebügelt wurden. Sie weigern sich, ihre Kinder weiterhin mit Henri in eine Klasse gehen zu lassen und schulen ihre Kinder woanders ein. Da hat Henris Mutter wohl die Rechnung völlig ohne den Wirt gemacht…

    Mein eigener Sohn geht im Ruhrgebiet mit einem Down-Kind in eine Klasse und hat sich schon mehrfach beklagt, dass Dinge nicht richtig erklärt wurden, weil die halbe Unterrichtszeit für dieses eine Kind drauf ging. Nachhelfen müssen dann wir Eltern, teils in den Abendstunden, wenn keiner mehr so richtig fit ist. Die Lehrer hatten nach eigener Aussage keinerlei Schulung, kriegen nur in wenigen Stunden pro Woche Unterstützung und denken zum Teil schon darüber nach, an eine Privatschule zu wechseln.

    Und was Finnland angeht, empfehle ich folgenden Text:

    “Dass man schwache Schüler niemals bloßstellen darf, geht finnischen Lehrkräften im Laufe ihrer Ausbildung sozusagen in Fleisch und Blut über. „Anders“ zu sein ist erlaubt. Aber nur, wenn – ja, wenn „anders“ eben schwächer bedeutet. Dass ein Kind, das immer wieder Stunden bei der Speziallehrerin braucht, deswegen gehänselt würde, habe ich nie gehört. Heißt „anders“ aber in irgendeinem Sinne stärker, fähiger als die anderen, dann gelten andere Regeln. Es gibt zwei Gebiete, auf denen man besser sein darf als die anderen: Musik und Sport. Mobbing riskiert aber in einer durchschnittlichen finnischen Schule, wer in den eigentlichen Lernfächern glänzt, und dagegen scheint kein Kraut der Psychologen und Kuratoren gewachsen zu sein. Wer deutlich besser ist als andere, sollte sich eigentlich schämen, es gehört sich nicht – das ist die Botschaft, die schon aus vielen mehr oder minder subtilen Signalen hervorgeht, erst recht aber aus Lehrerbosheiten wie „Was glaubst du eigentlich, was du bist?
    (…)
    Tasaarvo heißt für viele nicht einfach Gleichheit der Chancen. Ihnen schwebt vielmehr Gleichheit der Resultate vor. Als am 13.5.2002 die frischen Ergebnisse der alljährlichen Schulevaluation publiziert wurden und sich ein erhebliches Gefälle zwischen Schulen innerhalb je ein und derselben Region herausstellte (der durchschnittliche Punktwert der Schüler lag in manchen Schulen bei 40, in anderen bei 85; die Skala lief bis 100), erklärte Jukka Sarjala, damals noch Leiter des Zentralamtes für Unterrichtswesen, dies stehe geradezu im Widerspruch zum finnischen Grundgesetz! Es würde den hier gesetzten Rahmen sprengen, die Hintergründe einer derartigen Abstrusität aufzuhellen. Fest steht nur: Der oberste Chef des Schulwesens freute sich nicht darüber, dass es manchen Schulen gelungen war, Spitzenleistungen hervorzubringen. Er fand es vielmehr skandalös, dass sie so viel besser waren als manche andere.
    (…)
    Dass die Vernachlässigung begabter Schüler Verschwendung gesellschaftlicher Ressourcen bedeutet, liegt auf der Hand. Für Politiker sollte das ein Argument sein. Es gibt aber noch ein ganz anderes, und das sollte eigentlich jedem Pädagogen das Gewissen rühren: Es ist die Situation, zu der die Schule ein unterfordertes Kind verdammt. Die Vorkämpfer der integrierten Gesamtschule behaupten unverdrossen, dass ein guter Lehrer in binnendifferenziertem Unterricht allen gerecht wird und dass die Lehrkraft eben versagt hat, wo dies nicht gelingt. Und durchaus üblich ist es in deutschen Schulen (wie auch in finnischen), in der Stunde Aufgaben unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades zu stellen. Da dividieren dann z. B. die Arbeitsgruppen, in denen die „Zweierschüler“ sitzen, mit gemischten Brüchen, während sich die Schwächeren mit Aufgaben vom Typ „3/4 : 1/4“ abmühen. Und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Nur: Das ist die schiere Karikatur einer „Binnendifferenzierung“ im eigentlichen Sinne des Wortes, einer also, die wirklich den Bedürfnissen unterschiedlich begabter Kinder gerecht würde. Ich mache mich z.B. anheischig, lernstarke Schüler im Rahmen eines auf ihre intellektuellen Ressourcen zugeschnittenen Unterrichts dazu anzuleiten, selber herauszufinden, wie man mit Brüchen dividiert, statt es ihnen zu erklären. Das kostet Zeit. Die hätte ich aber, weil diese Kinder hinterher viel weniger Zeit zum Üben brauchen als die Schwächeren. Jedoch: Weder ich noch irgendjemand anders kann innerhalb einer unausgelesenen Gruppe den Schwachen den Weg erklären und zugleich den Starken die Möglichkeit lassen, ihn selber zu finden. Jede Schule, die vorzugsweise oder ausschließlich die Bedürfnisse der Schwachen und des Mittelfeldes im Auge hat, tut den Begabteren Unrecht. Sie enthält ihnen de facto die Möglichkeit vor, ihr Potential zu entwickeln und so voranzuschreiten, wie sie es eigentlich könnten. Und sie bestraft sie mit doppelter Langeweile, wenn sie das trotzdem auch nur halbwegs schaffen, sei es auf eigene Faust oder dank elterlicher Unterstützung.

    http://www.finland.de/dfgnrw/dfg043a-pisa11.htm

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    • Liebe Ute, das war ja jetzt wirklich ganz schön lang… Schön, dass wir mal die andere Seite kennen lernen. Leider scheint mir der Autor jedoch etwas voreingenommen, da er selbst Gymnasiallehrer und guter Freund der Direktorin zu sein scheint. Nichtsdestotrotz bestätigt es das, was ich auch denke, dass nämlich die Lehrer und Eltern einfach bei dieser ganzen Diskussion um die Inklusion nicht mitgenommen werden. Angst und Unwissenheit, Vorurteile und Ignoranz können gedeihen, weil es keine Aufklärung gibt. Weil es keinen echten Plan gibt. Weil es keine vernünftige Umsetzung gibt.
      Hier geht es eigentlich nicht um Henri, hier geht es darum, ob wir Deutschen wirklich die Inklusion wollen. Dafür muss aber Geld in die Hand genommen werden, es müssen ausreichend Mittel vorhanden sein, um das entsprechende Personal nicht nur zu bezahlen, sondern auch zu schulen. Da dies leider nicht von heute auf morgen geschieht und man auch sicher etwas Übung braucht, müssen einzelne diesen schweren Weg gehen. Setzt sich jedoch die Schule mit ihrer Ablehnung durch, wird es für jede weitere Schule einfacher, Kinder mit Behinderungen abzulehnen. Leider lernen wir Menschen oft erst im Nachhinein, wie wichtig diese ersten mutigen Menschen für uns waren (siehe auch hier: http://www.stern.de/fotografie/ein-bild-und-seine-geschichte-der-spaete-sieg-des-schwarzen-maedchens-644589.html).
      Es tut mir leid, dass Dein Sohn Probleme in der Schule hat. Ich kenne ihn nicht, ich kenne auch das Kind mit DS in seiner Klasse nicht und ich kenne die Umstände nicht. Trotzdem möchte ich Dir sagen, dass es nicht an dem Kind mit DS liegt, dass Dein Sohn Probleme hat, sondern an einem krankenden Schulsystem. Viel hilfreicher als die Gegenaktionen wäre, wenn alle Eltern sich zusammen tun würden, um gemeinsam eine bessere Personalausstattung für die Schulen zu erreichen.
      Ein weiterer Aspekt kommt mir dazu in den Sinn – ich möchte Dir aber auf keinen Fall unterstellen, dass es bei Euch so ist -: In unserem Land hat durch das geteilte Schulsystem nur noch ein Kind Wert, wenn es auf ein Gymnasium geht. 90 % der heutigen Kinder sind laut ihrer Eltern hochbegabt. IQs werden geprüft und verglichen. Schüler werden ab der ersten Klasse drangsaliert – das Jura- oder Medizinstudium im Blick. Wenn dann ein Kind die Leistung nicht erbringt, ist man ganz schnell auf der Suche nach einem Sündenbock. Da bietet sich das Integrationskind doch an. Denn das eigene „hochbegabte“ Kind kann doch schließlich nicht Schuld an den schlechten Leistungen sein. Das ist eine Entwicklung, die mich sehr traurig macht und trotzdem sehe ich wieder nur einen Lösungsweg: Es braucht die Inklusion, in der alle Kinder nach ihren Möglichkeiten unterrichtet werden. Eben auch die hochbegabten (das steht aber auch schon in meinem eigentlichen Post). Nur wenn wir Eltern gemeinsam an einem Strang ziehen, können wir eine bessere Schulbildung für alle erreichen. Selektion und Separation führen nicht zu diesem Ziel, sondern lediglich zu einer Elitenbildung. Mag sein, dass der selbsternannten Elite daran gelegen ist – ich finde das aber falsch, denn alle Kinder haben eine Chance verdient.
      Leider wird in Deutschland immer zu spät gehandelt, wie bei der sehr gefährlichen Straße bei uns um die Ecke, wo Eltern jahrelang eine Ampel gefordert hatten und diese dann innerhalb von 2 Wochen aufgestellt wurde – nachdem das erste Kind überfahren war.
      Die Inklusion wird nicht aufzuhalten sein, da bin ich mir sicher! Es ist nur eine Frage der Zeit und in 30 Jahren werden wir entweder sagen können: „ja, das habe ich von Anfang an unterstützt“ oder eben „ich habe alles getan, um es zu verhindern, waren ja schließlich alle dagegen“.
      Ob in Finnland die starken Schüler gehänselt werden, mag ich nicht zu beurteilen. Da sie aber in den Pisa-Studien immer ganz vorne abschneiden, scheint es ja wenigstens auf den Lernwillen keine Auswirkungen zu haben. Aber auch hier gilt ja: wir können aus den Fehlern der anderen lernen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt um eine – wie ich finde – bessere Zukunft mitzugestalten.
      Grüße von Katta

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      • Liebe Tochter,
        ich bin sehr stolz auf Dich, zwar schon immer, aber nach diesem Artikel noch viel mehr.
        Als absoluter Befürworter der Inklusion und nach einem langen Leben, in dem ich viel gelernt habe, komme
        ich zu folgenden Erkenntnissen:
        Alle diese Menschen, die meinen, ihre eigenen Kinder würden von schwächeren Menschen eingeschränkt,
        haben eines völlig aus den Augen verloren:
        Warum wir lernen und wozu wir das Gelernte brauchen.
        Wenn es um das reine Erwerben von Bildung geht, scheint jeder zu wissen, was das Beste für sein Kind ist.
        Wenn es darum geht, seine Bildung als Statussymbol vorzuweisen, werden unglaubliche Energien freigesetzt,
        falls der Verlust dieser Statussymbole droht.
        Lernen ist jedoch nichts Materielles.
        Lernen bedeutet, Fähigkeiten zu erlangen, die mich mit dem Leben klarkommen lassen.
        Es ist ein lebenslanger Prozess, der durch Erfahrungsaustausch mit der Vielfalt des Lebens entsteht.
        Die Art, wie ich gelernt habe verrät mir kein Zeugnis und kein Titel, sondern meine eigen Lenensqualität,
        wie stark, wie glücklich bin ich?
        Erich Fromm nannte die höchsten Ziele, die ein Mensch erreichen könnte seien die Fähigkeit zu lieben und
        die Fähigkeit zu arbeitenund beides spontan, also freiwillig zu tun.
        Ein Kind, das noch keine Schule besucht, lernt freiwillig und mit Begeisterung, es ist offen, neugierig und ohne Vorurteile.
        Als Erwachsener sind wir das nur noch sehr selten.
        Was ist in der Zwischenzeit passiert?
        Ich wünsche jedem Kind auf dieser Welt, dass es niemals zum Lernen gezwungen werden muss.
        Viele Wege führen nach Rom und jeder hat seinen ganz eigenen, nur für ihn selbst wichtigen, mit auf die Welzt gebracht.
        Wenn er diesen so gehen darf, wie er es selbst auswählt, ist er glücklich.
        Er kann auch anderen Menschen ihr Glück gönnen und wird mit vielen ganz unterschiedliche Menschen Freundschaften schließen.

        Und dann werden alle Diskussionen über hochbegabt, behindert oder normal überflüssig, weil dann die verdammte, ungerechte
        Bewerterei und Vorverurteilung von Kindern und auch Erwachsenen von ganz allein aufhört.

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      • Liebe Mama,
        Du hast so recht und ich bin froh, dass ich das Glück hatte, Deine Tochter zu sein. Denn Du hast mich immer bestärkt, meinen eigenen Weg zu gehen, sei er auch noch so steinig und für andere nicht nachvollziehbar. Das hat mich zu einem toleranten Menschen gemacht – auch schon bevor Aila auf der Welt war.
        Und ich bedauere all die armen Kinder, die von ihren Kindern geknechtet und drangsaliert werden und wieder nur zu Eltern werden, die ihren Kindern Druck machen, aus vermeintlicher Liebe und „wir meinen es ja nur gut“. Heraus kommt dabei nur eine ich-bezogene, ignorante Gesellschaft. Aber am Ende hat jede 1 auf dem Zeugnis, jeder Schritt auf der Karriereleiter und jeder Cent auf dem Konto doch nicht zu dem geführt, was eigentlich wichtig ist: das Glück und die Freude am Leben. Sehr schön ist dazu dieser Artikel:
        http://www.welt.de/vermischtes/article13851651/Fuenf-Dinge-die-Sterbende-am-meisten-bedauern.html
        Insbesondere den fünften Wunsch halte ich mir ganz oft vor Augen: „Warum habe ich mir nicht erlaubt, glücklicher zu sein?“.
        Die Inklusion ist bereits auf dem Weg und da werden auch die „Ewig-gestrigen“ nichts dran ändern können. Sie schaffen nur, den Zug zu verlangsamen. Würden sie mit aufspringen und ihn fahren lassen, würde er jedoch schneller ans Ziel kommen und auch ihren Kindern von Nutzen sein.

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      • Nur kurz: Mein Sohn geht in die zweite Klasse einer Grundschule, nicht aufs Gymnasium. Schon hier werden elementare Bestandteile des Unterrichts nicht vermittelt und an uns Eltern weitergeschoben. Hinzu kommt: Mein Sohn hat insgesamt 5 Inklusionskinder in einer Klasse mit insgesamt 19 Kindern. 1 x Down-Syndrom, 2 x Lernbehinderung, 1 x Sprachbehinderung und 1 x Emotional-wieauchimmerdasheißt. Auch die kommen zu kurz. Es reicht einfach hinten und vorne für niemanden. Aber es sind immer nur die Regelkinder und deren Eltern, die mit den Hinweis auf soziale Verantwortung erpresst werden sollen. Nicht von den Lehrern wohlgemerkt – die gehen selber auf dem Zahnfleisch. Aber von der Politik und auch von den Eltern der Inklusionskinder. „Sie müssen das verstehen…“ oder auch das unsägliche und omnipräsente „Es würde ja gehen, wenn denn alle nur wirklich wollten…“ Logisch, dass mit „alle“ aber immer nur die Eltern der Regelkinder angesprochen sind. Und klar, ich kann bestimmt auch nur deshalb nicht fliegen, weil ich es nicht genug will. Wenn ich nur richtig wollte, dann würde ganz sicher auch das klappen. ^^

        Tut mir leid, aber das kann so nicht funktionieren. Der Krankenstand unter den Lehrern ist enorm, was zu noch mehr Ausfällen führt, die Hilfe minimal, Schulungen nicht existent. Inklusion wird von den Politikern als Sparmodell betrachtet – da können wir Eltern und Lehrer uns auf den Kopf stellen und auf dem Hintern trommeln – es wird sich nichts ändern. Mit etwas Pech kriegen wir nur wieder den Schwarzen Peter zugeschoben: „Mit ein bisschen gutem Willen würde es sicher gehen.“ Ich kann’s nicht mehr hören!

        Ja, ich mache mir Sorgen um die Bildungschancen meines Kindes. Ja, ich halte Privatunterricht ab, so viel und so gut es geht. Ich bin zum Glück intellektuell in der Lage dazu und könnte mir ansonsten auch Nachhilfe für meine Kinder leisten. Aber viele andere Regelkind-Eltern können eben spätestens an der weiterführenden Schule nicht mehr helfen und auch keine Nachhilfe bezahlen. Und somit ist die Konsequenz von Inklusion indirekt die, dass Bildung noch mehr eine Frage des Geldbeutels wird.

        Das jeweilige Inklusionskind kann nichts dafür, das ist mir schon klar, und ich wünsche ihnen allen nur das Beste. Aber meinem Kind eben auch – und für genau dieses eine Kind bin ich in allererster Linie verantwortlich. Alle denken nur an sich? Ja nun – den Inklusioneltern ist mein Kind ja auch wurscht. Es ist ja gesund, also meint man ihm jeden Preis abverlangen zu können. Mit welchem Recht?

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  4. Es ist schon verrückt, in welchem Tempo sich Deutschland bzgl. des gemeinsamen Lebens udn Lernens im Kreise dreht. Nicht zu Unrecht fällt den Menschen, die das schon länger verfolgen, der Name „Integration“ ein. Alle Bemühungen hat es schon mal gegeben. Wenn ich es recht bedenke, waren aber damals die sogenannten „Behinderten“ noch nicht so stark der Funktionaliserung ausgesetzt. Heute werden noch mehr Eltern udn Kinder in ihrem Leben behindert, es werden von Erziehern und Lehrern, Ärzten und Therapeuten Diagnosen verteilt, damit es Geld gibt für Betreuungsstunden etc für Begleiter, zusätzliche Mitarbeiter, Material und für Umbauten. Mit Geld lässt sich abr Bweziehungswilligkeit nicht kaufen. Der Untersched zu Finnland? Dort darf nicht jeder Lehrer werden. Es findet Vorauswahl statt, die Menschen, die sich dort für die Schule ausbilden, lernen gemeinsam Kindern, unterrichten KINDER, eine Fächer. Seit Deustchalnd die UN Konvention unterschrieben hat, outen sich Politik, Eltern (vor allem Bildunsgbürger), Lehrer, Schulen, Universitäten mit der Agenda, ansich nur Konsumenten ranziehen zu wollen. Das, was sie hier momentan Inklusion nennen: Bei Diagnose: Geld.
    Ich selbst habe den Schuldienst geschmissen, weil ich nicht bereit war, Kinder im Staatsauftrag abzurichten. Nicht ganz unschuldig ist sicherlich daran, dass ich mit meinem eigenen Sohn erlebt habe, dass unser gemeinsames Wachsen auf der Basis einer Beziehung geschah – und nicht durch Anpassung durch Therapeuten oder Lehrer. Er ist in einer Zeit zur Schule gegangen, in der es nicht viele Integrationsplätze an Schulen gab – sehr viele weniger als Kinder, die ihn benötigt hätten. So entschied ich, ihn in einer ( damals hießen sie noch) Sonderschule zu geben. Ob der Vielfalt dort, einer beziehungswilligen – und -fähigen Klassenlehrerin hat er dort selbst Toleranz entwickelt. Wenn ch ihn heute erlebe in der WG mit seinen Mitbwohnern, gehen die dort mit ihre jeweiligen Eigenarten respektvoller um, als ich das aus den sogenannten normalen Kontexten kenne. Er selbst hat sich mal im ersten Arbetsmarkt beworben, hätte sogar die Stelle haben können. Er hat sich aber last minute für den Gartenbaubetrieb der WfB entschieden, weil es ihm wichtiger war, mit den Freunden zu arbeiten. Allein die Tatsache, dass er die Entscheidung hatte, hat ihn gestärkt. Ich könnte jetzt hier weiterplaudern….. aber du wolltest meine Meinung: Was momentan an Schulen gut läuft, läuft gut, weil die Beteiligten das WOLLEN und gemeinsam dafür sorgen, dass es klappt. Wo es nicht läuft, vermute ich ich einfach Unwillen – und das auf Kosten der Kinder. Da sich die Unwilligen bei ihrer eigentlichen Agenda aber nicht erwischen lassen wollen, wird eben etwas organsiert, was nicht klappen kann. Und dann haben sie Gründe. Leider.

    Vielleicht magst du hier mal schauen:
    http://ullakeienburg.wordpress.com/2011/10/17/normal-besonders-oder-besonders-normal/

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  5. Ich bin Studienrätin in Niedersachsen. Bei uns am Gymnasium ist das Thema Inklusion für viele Kollegen ein rotes Tuch. Leider 😦
    Das liegt aber hauptsächlich daran das wir in der Schule völlig allein gelassen werden. Uns wird pro Klasse eine sonderpädagogische Stunde zugebilligt.
    Wie soll denn da Inklusion richtig funktionieren?
    Ich habe meine ersten Dienstjahre in der ehemaligen DDR absolviert. Dort war das Netzt der sogenannten Förderschulen ( bei uns waren das Sonderschulen ) sehr weit verzweigt. In den Ferien wurden Ferienlager angeboten. Dort waren „normale“ Kinder und Kinder mit Einschränkungen und verlebten für 14 Tage wunderschöne Ferientage. Ich war dort selbst als Gruppen- und Lagerleiter und die Kinder mit Einschränkungen waren mir die liebsten. Sie hatten durchweg ein so sonniges Gemüt und freuten sich über Kleinigkeiten. Das war für mich auch Balsam für Seele.
    Wenn ich also jetzt hier am Gymnasium entsprechende Unterstützung bekommen würde, dann würde ich mich auf die Inklusion freuen. Aber solange bleibt es nur eine Wunschvorstellung und bestenfalls eine Integration.
    Liebe Grüße
    Ines

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    • Ja Ines, das sehe ich genau so. Inklusion ist gut, aber sie ist nicht umsonst. Auch hier in Berlin gibt es viele gute Ideen, aber die Lehrer werden einfach nicht mitgenommen und einbezogen. Solange wir nicht verstehen, dass man dafür Geld in die Hand nehmen muss, wird sich nichts ändern. Da bauen wir doch lieber noch ein Paar Flughäfen und Schlösser…

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  6. Das mit Verschiedenheit und Anderssein scheint in den Schulen von Baden-Württemberg sowieso so eine Art Problem zu sein (siehe Bildungsplandiskussion…). Ich verstehe nicht was das Problem von den Leuten ist, die diese Henri-Gegenpetition gestartet haben.

    Lilli

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    • Ja, darüber was das eigentliche Problem ist, denke ich auch immer noch nach. Ist es nur die Angst vor Andersartigem, oder ist es vielleicht eher Besitzstandswahrung einer privilegierten Minderheit? Es ist mir ein Rätsel.

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